Leseprobe

Kapitel 1

Zugfahrt

Der Zug fuhr durch das flache Land. Theo saß am Fenster, sein Blick glitt über Weizenfelder, Viehweiden und vereinzelte Bäume, die verloren in der Landschaft standen.

Jona schlief ihm gegenüber, zusammengesackt, den Kopf an die Scheibe gelehnt. Theo dachte an das, was kommen sollte: Hamburg Blankenese. Ein Haus, das er nie betreten hatte. Jonas Mutter, die ihm stets das Gefühl gab, fehl am Platz zu sein. Jonas Vater, den er noch nie gesehen hatte. Und Geschwister, die er nur aus Jonas Geschichten kannte: Paul, der ältere Bruder, Ziel seiner Spottlust, und Juli, die Schwester, über die er nie ein böses Wort verlor.

„Reinen Tisch machen“ – so hatte Jona es genannt. Theo hatte erwartet, dass es um etwas gehen würde, das tief schnitt: Drogen, Männer oder wenigstens ein Eingeständnis, dass er sich verloren hatte. Stattdessen hatte Jona gesagt, er wolle aufhören zu studieren. Architektur sei nicht sein Leben. Er wolle fotografieren. Künstler sein. Frei.

Theo wusste nicht, ob er darüber lachen oder schweigen sollte. Es war typisch Jona, die große Geste, der Ausbruch, der als Neubeginn verkauft wird. Vielleicht kam er mit, weil er sehen wollte, wie Jona diese Wahrheit aussprach. Oder weil er wissen wollte, ob sie überhaupt fiel.

Drei Jahre WG: Man teilt Räume, Geschichten, Abende, und mit der Zeit auch das Schweigen. Was sie verband, hatte sich schon lange von Freundschaft entfernt – es war eher ein Pakt, der aus unausgesprochener Abhängigkeit bestand.

Am Rand seines Blickfeldes bewegte sich Jona. Er rieb sich die Augen, blinzelte ins Licht.

„Schon bald da?“

„Noch zwanzig Minuten.“

Jona nickte, sagte nichts weiter. Die Bremsen zogen an. Dächer rückten näher, Schilder tauchten auf. Theo atmete tief ein, als würde er sich selbst etwas beichten müssen.

S-Bahn

Im Tunnel unter dem Hauptbahnhof war nur Dunkelheit. Betonwände glitten vorbei, Neonlicht flackerte an den Scheiben. Dann brach die S-Bahn ins Tageslicht. Hamburg zog vorüber, graue Fassaden mit leuchtenden Graffiti, eine Stadt zwischen rau und schön.

Je weiter sie fuhren, desto mehr wurde das Grau von Grün verdrängt. Vorgärten mit blühendem Flieder, Reihenhäuser hinter frisch gestrichenen Zäunen, dann große Grundstücke mit gepflegten Hecken. Schließlich, wie eine stille Ankündigung, schimmerte die Elbe ins Blickfeld: breit, träge, mit Schiffen, die lautlos über das Wasser zogen.

Blankenese.

Der Bahnhof war klein, sauber, beinahe makellos. Sie gingen los, Jona vorn, Theo einen Schritt dahinter. Links und rechts standen Villen, manche alt und verwittert, andere glatt und neu, mit Glasfronten und Hanglage.

Sie erreichten das Treppenviertel. Weiße Häuser mit blauen Fensterläden reihten sich den Hang hinunter, der Fluss unten glitzernd im Sonnenlicht. Jona lehnte sich ans Geländer, ließ den Blick hinunterfallen. „Jeden Winkel hier hab ich gehasst.“ Er sagte es ohne Bitterkeit, beiläufig, wie eine Feststellung über das Wetter. Theo sah ihn an und sagte nichts.

Der Weg führte sie über schmale Stufen zu einem kleinen Park. Von hier hatte man eine weite Aussicht auf die Elbe. Jona ließ sich ins Gras fallen, und drehte einen Joint.

„Nur kurz ankommen“, sagte er und zündete ihn an. Der Rauch stieg in die Luft. „Willst du?“

Theo schüttelte den Kopf. „Wenn ich jetzt anfange, komm ich gar nicht mehr klar.“

„Weißt du noch Potsdam, im Park Sanssouci?“ fragte Jona. „Du warst überzeugt, der Rasen atmet.“

Theo lachte leise. „Hat sich damals auch so angefühlt.“

„Vielleicht schaffen wir’s ja, auch hier ein bisschen Spaß zu haben“, sagte Jona und blinzelte gegen die Sonne. „So wie früher.“

Theo sah ihn an, die Müdigkeit in den Augen, der Trotz in den Schultern, das Bedürfnis, das er nicht aussprach. Theo nahm den Joint, zog vorsichtig. Der Rauch brannte, aber die Wärme der Sonne legte sich wie ein stilles Versprechen auf seine Haut.

Ankommen

Theo stolperte als Erster über die Schwelle. Der Flur war makellos – Steinboden, irgendwo stand ein Blumenstrauß, frisch, als sei das hier jeden Tag Bühne. Er war viel zu breit dafür. Schon beim ersten Atemzug merkte er, dass er auffiel. Er hasste diese Häuser: alles durchkomponiert, keine Risse, keine Spuren. Man selbst wurde sofort zum Fleck.

Svea stand da und sah ihn an. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er sie gesehen hatte, damals beim Einzug in die WG. Dieser Blick, der einen in Sekunden einordnete. Heute, Jahre später, dieselbe Aufmerksamkeit und Theo spürte den vertrauten Stich im Magen.

Sie stellte Fragen. Banales Zeug, belanglos, aber aufgeladen. Er hörte kaum hin, sah stattdessen Jona neben sich, wie er antwortete, abgehackt, fast kindlich.

Svea wandte sich Theo zu, fragte nach dem Haus, ob ihm die Architektur gefalle. Noch bevor er Luft holen konnte, fiel Jona dazwischen.

„Mum, please stop it.“

„Warum denn? Man darf einen angehenden Architekten wohl nach seiner Meinung fragen.“

„Darum geht’s nicht.“

„Um was dann?“

„Keiner hat Lust, schon wieder diese beknackte Geschichte über das Haus zu hören.“

Svea straffte sich. „Deine Vorfahren haben viel gearbeitet, um dieses Haus zu kaufen.“

Jona rollte die Augen.

Das Gespräch verebbte. Svea stand noch im Flur, die Hände ineinander verschränkt, und sagte, sie könnten sich am Kühlschrank bedienen.

Jona zog die Schultern hoch. „Wir sind müde“, sagte er. „Wir schauen nur noch einen Film und bestellen Pizza.“

Ein kurzer Moment Stille. Svea sah ihn an, den Mund leicht geöffnet, wartete, ließ ihn nicht sofort aus der Verantwortung. „Willst du nicht warten, bis deine Schwester kommt?“

Jona sah weg, drehte den Kopf zur Seite. „Wir sind wirklich müde.“

Theo presste die Lippen zusammen, um das Grinsen zu halten. Klar, müde. Dabei hat Jona letzte Nacht nur zu lange gesoffen, und sie hingen jetzt wie Reste rum.

Die Treppe hinauf: Die Stufen waren breit und gaben keinen Laut von sich. Der Flur oben war still, die Türen geschlossen, warmes Licht auf Bildern, die jemand mit Sorgfalt ausgewählt hatte. Theo ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er legte die Hand an die Klinke, da hörte er es unten erneut klingeln. Schritte im Flur, die Haustür, ein kurzes Durcheinander von Stimmen. Dann Julis Lachen, das durch das ganze Haus drang.

Aufstehen

Theo stand auf. Neben ihm lag Jona, blass, die Stirn verschwitzt. In der Nacht hatte er zweimal mit blutender Nase das Bad aufgesucht, der Husten trocken und tief, ein Körper, der sich von innen aufrieb.

„Ich bin krank“, murmelte er.

Theo nickte, zog sich leise an und ging die Treppe hinunter.

In der Küche stand eine Frau. Sie trug ein helles Sommerkleid und bewegte sich in diesem Haus mit einer Selbstverständlichkeit, die Theo einen Moment lang innehalten ließ.

„Du musst Theo sein“, sagte sie.

„Ja. Und du bist …?“

„Juli. Jonas Schwester.“

Theo nickte. „Er ist krank.“

„Was hat er denn?“

„Nasenbluten.“ Theo stockte. „Und Fieber, glaub ich.“

Juli verzog den Mund zu einem kleinen Grinsen. „Er kann’s einfach nicht lassen.“

„Was denn?“

„Zu viel, von allem.“ Sie öffnete den Kühlschrank, nahm sich ein Glas Wasser. „Willst du einen Kaffee?“

„Nein, danke. Ich wollte gleich schwimmen gehen.“

„Wo denn?“

„In der Elbe.“

Juli lachte. „For real?“

„Ja. Warum nicht?“

„Weil sie dreckig ist. Und gefährlich. Eigentlich sollte man da nicht mal baden.“

„Ich schwimme parallel zum Ufer.“

„Das sagen alle, bevor sie abtreiben.“

„Ich krieg das schon hin.“

Juli lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Wie du meinst. Ich geh gleich zu Freunden brunchen. Wenn du willst, kannst du ein Stück mitlaufen.“


Sie verließen das Haus. Die Straßen von Blankenese lagen still, die Gärten im frühen Licht, weiße Fassaden, sauber und geschlossen.

Sie sprachen über London. Theo erzählte, dass er sich dort für ein Masterstudium beworben hatte, Juli erwähnte ihre Arbeit für eine englische Zeitung.

„Das Leben dort ist aufregend“, sagte sie. „Aber manchmal auch leer. Und teuer. Manchmal hab ich gedacht: Berlin wäre leichter gewesen.“

Theo grinste. „In Berlin ist es nicht mehr billig. Und aufregend … naja, hängt davon ab, ob man es sich leisten kann keine Ambitionen zu haben und ständig high zu sein.“

Juli lachte, und es klang ehrlich.

„Es ist schön, dich endlich mal zu treffen“, sagte sie. „Jona redet oft von dir.“

„Ach ja?“

„Dass du viel denkst. Und wenig redest.“

Theo grinste. „Kommt auf die Gesellschaft an.“

Juli sah ihn an. „Wie geht es Jona in Berlin?“

„Ganz gut.“

„Bist du dir sicher?“

„Frag ihn am besten selbst.“

Juli nickte, blickte kurz zur Seite. „Unsere Mutter macht sich ständig Sorgen. Aber sie war selbst nie jung.“

An einer Kreuzung blieben sie stehen.

„Ich muss hier lang“, sagte Juli. „Zur Elbe geht’s da runter.“

„Alles klar.“

„Und du?“

Theo zuckte die Schultern. „Keinen Plan. Jetzt, wo Jona krank ist …“

Juli zog ihr Handy aus der Tasche, tippte kurz. „Mein Vater und Paul wollen später segeln. Oder du kommst mit zum Brunch. Ich hab ein paar Freunde hier, Unternehmerinnen, Anwälte, Agenturleute … etwas konservativ, aber nett.“

Theo diktierte seine Nummer, Juli tippte sie ein und schickte ihm eine Nachricht.

„Dann bis später vielleicht“, sagte sie.

„Bis dann.“

Sie drehte sich um und ging. Theo blieb einen Moment stehen, das Handy in der Hand, der Blick ihr nach, bis sie hinter der Hecke verschwand.

Schwimmen

Theo erreichte den Strand, streifte Hemd und Hose ab, bis nur noch die Badehose blieb. Brille, Kappe und Nasenklammer, ein kurzer Atemzug. Dann setzte er den Fuß ins Wasser. Die Elbe war trüb und schwer, kein Ort, der ihn willkommen hieß. Doch er kannte dieses Gefühl: Widerstand, Kälte, der erste Schock im Körper. Er ließ sich nicht aufhalten.

Er schwamm parallel zum Ufer, wie er es früher im Training gelernt hatte. Ab und zu zogen Containerriesen vorbei, schwarze Wände aus Stahl, die Wellen wie Schläge hinterließen. Die Strömung packte ihn, verschluckte ihn für Sekunden, zerrte ihn nach innen. Theo liebte diesen Moment. Hier musste er sich behaupten, hier gab es kein Entkommen außer durch Kraft.

Die Zeit verlor ihre Konturen. Erst nach fast einer Stunde kehrte er zurück, keuchend, die Muskeln brennend, die Füße noch im Wasser, während er den Blick über die Elblandschaft schweifen ließ.

Alles hier wirkte aufgeräumt. Menschen gingen spazieren, blieben stehen, um die Sonne zu genießen, als sei Glück nichts weiter als ein fester Tagespunkt.

Eine Frau tauchte auf, Rassehund an der Leine, helles Sportoutfit, gepflegtes Lächeln. Sie warf ein Stöckchen, der Hund sprang, sie lachte und zog die Augenbrauen hoch: „Das Leben kann so einfach sein!“

Theo lächelte. Müde, höflich – und voller Groll.

Das Leben kann so einfach sein.

Natürlich. Wenn das größte Problem darin besteht, die Scheiße seines Hundes vom Elbstrand in Blankenese zu klauben.

Er sah ihr nach, bis sie hinter den Dünen verschwand. Plötzlich war da wieder dieser Druck in der Brust, der Reflex, ihr seine Geschichte zu erzählen, nur um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Britz, Berlin Neukölln, Hufeisensiedlung. Ein Arbeiteridyll, entworfen von Bauhausarchitekten, gedacht als sozialdemokratisches Paradies. Sein Vater, preußisch diszipliniert, stolz darauf, sich rausgearbeitet zu haben – U-Bahnfahrer bei der BVG, Familie, Routine, Schichtsystem. Bis der Tag kam, an dem jemand sprang. Danach Keller, Dunkelheit, Modellschiffe. Eine Mutter mit Glas in der Hand. Eine Schwester, schwanger und allein.

Theo ging ins Training, wie andere in den Krieg. Erst Leichtathletik, dann Triathlon. Schwimmen, Rennen, immer weiter. Freunde verschwanden, er blieb. Als seine Schwester auszog, bekam er ein eigenes Zimmer und begann zu malen. Erst Gesichter aus der Siedlung, später Häuser. Seine Häuser. Die Hufeisensiedlung.

Kein Hochhausghetto, kein Elendsviertel. Kleine Blöcke, verkehrsberuhigte Straßen, in Hufeisenform. So sah Glück aus, aus der Luft betrachtet. Nur unten, in den Küchen und Schlafzimmern, sammelte sich Kummer in Schichten. Theo hätte den Architekten gern erzählt, wie viel Schmerz auch in schönem Beton wohnen kann.

Er atmete tief durch, schüttelte das Wasser aus dem Haar und schob die Füße tiefer in den Sand.

Dann dachte er an Juli.

An den Brunch.

Und machte sich auf den Weg.

Brunch

Theo ging die Straße entlang. Die Häuser sauber, die Vorgärten gepflegt, jeder Strauch an seinem Platz. Vor einem der großen, hell verputzten Gebäude blieb er stehen. Er klingelte, und kurz darauf erschien Julis Gesicht hinter der Glastür. Ein Grinsen, ein Glas Sekt in der Hand.

„Da bist du ja. Hat gedauert.“

Juli führte ihn hinein. Das Wohnzimmer war großzügig, geschmackvoll eingerichtet, Möbel, die man eher betrachtet als benutzt. Rund um den Tisch saßen zehn Leute, Anfang dreißig, gut gekleidet, selbstsicher. Sie musterten Theo mit einem Interesse, das nicht ganz freundlich war.

„Das ist also der Elbschwimmer“, sagte jemand. „Jetzt hast du dich aber schön durch die Elbsuppe gewühlt. Hoffentlich bleibst du nicht kleben.“

Leises Lachen ging durch die Runde. Theo stand noch, die Hände an den Seiten. Er wusste, was jetzt kommen sollte: lachen, wegducken, einen Witz zurückwerfen, der zeigt, dass er es versteht und nicht ernst nimmt. Er hatte das hundertmal gemacht. Er konnte das.

„Halts Maul“, sagte er.

Das Gelächter brach ab. Ein frierender Moment.

„Wie bitte?“ Der Mann richtete sich auf.

„Du hast mich schon verstanden.“

Die Gäste sahen sich an, einige schüttelten kaum merklich den Kopf. Fremdheit legte sich über den Raum.

Juli trat dazwischen. „Genug jetzt. Theo – komm, ich zeig dir das Bad.“

Im Flur herrschte Stille, bis sie außer Hörweite waren. Dann: „Sag mal, was sollte das? So kannst du hier nicht auftreten.“

„Er hat’s provoziert.“

„Und du? Du bist hier Gast.“

Theo wurde leise. „Tut mir leid.“

Juli schwieg, verdrehte die Augen. „Johann ist ein Arschloch. Aber das hättest du auch subtiler zeigen können.“

Sie schmunzelten beide, und Theo verschwand ins Bad. Das Wasser war kühl, der Dampf legte sich über seine Haut. Für einen Moment dachte er, vielleicht würde er gleich verschwinden, zurück nach Berlin, weg von alldem. Doch dann trocknete er sich ab und ging wieder hinunter. Der Raum empfing ihn mit einer gespielten Normalität. Johann und er tauschten ein Lächeln, das eher eine Drohung war. Theo nahm sich etwas vom Buffet, setzte sich. Ein leises Gespräch entstand, als hätte es den Bruch vorhin nie gegeben.

Kapitel 2

Arbeitszimmer

Richard saß in seinem Arbeitszimmer und die Mittagssonne fiel durch die halb geschlossenen Lamellen. Auf dem Schreibtisch lagen aufgeschlagene Mappen, markierte Seiten, lose Notizen – der Stapel, den er eigentlich ignorieren wollte.

Er hatte sich geschworen, samstags nicht mehr zu arbeiten, doch der Fall fraß jede Stunde: die Fusion zweier Industrieunternehmen, ein Abgesang auf das alte Deutschland. Beide bauten Schiffsturbinen, die eine Firma in Bremen, die andere in Hamburg. Früher erbitterte Rivalen, inzwischen von chinesischen Innovationen überrollt. Nun rangen zwei stolze Namen ums Überleben.

Der Fall war heikel. Die Wettbewerbsbehörde zögerte, es gab zu viele Fragezeichen und zu hohe Marktanteile in Europa. Aber der Druck wuchs. Der Wirtschaftssenator hatte sich bereits öffentlich hinter das Projekt gestellt: Schiffe bedeuteten Hamburg, Schiffe bedeuteten Arbeitsplätze.

Richard schrieb an Madeleine, die Partnerin, die den Fall betreute. Er selbst zog die Fäden im Hintergrund, ordnete die großen Linien, führte die wichtigen Telefonate.

„Anbei der aktualisierte Schriftsatz. Bitte übers Wochenende finalisieren und mir am Montagnachmittag schicken – spätestens in der Nacht. Danke. RH“

Er legte die Unterlagen zur Seite und warf einen Blick in seinen Kalender. Sonntag: Familienessen. Juli und Jona waren in der Stadt, ein Pflichttermin. Nächste Woche der Familienurlaub auf Sylt inklusive der Feier zu seinem 60. Geburtstag. Die halbe Stadt kam auf die Insel und er wusste nicht ob er sich darüber freuen sollte.

Ein Klang riss ihn aus den Gedanken: Richard legte den Stift aus der Hand und horchte. Es war Bachs wohltemperiertes Klavier, eines seiner Lieblingsstücke, präzise gespielt, mit einer Wärme, die den Raum füllte. Er lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Juli, dachte er sofort. Wer sonst? Sie war die Einzige, die noch regelmäßig spielte. Svea hatte längst das Interesse verloren, und Jona war ein hoffnungsloser Fall.

Er hörte weiter, doch plötzlich brach das Spiel ab. Es folgten weitere nicht zusammenhängende Töne, dann begann das Spiel wieder von vorn. Ungewöhnlich, Juli kannte solch ein Stück doch aus dem FF.

Richard erhob sich, ließ die Dokumente liegen und folgte den Tönen hinunter ins Erdgeschoss. Das Spiel kam aus dem Musikzimmer, und als er die Tür öffnete, blieb er stehen. Nicht Juli saß am Flügel, sondern Theo.

Der junge Mann war ganz in die Musik vertieft, die Finger flogen über die Tasten, mal leicht, mal kraftvoll. Erst als Richard nähertrat, brach er ab und blickte auf.

„Nicht übel“, log Richard nach einer kurzen Pause. „Ich dachte, Juli sitzt hier.“

Theo sah ihn an. „Entweder schmeicheln Sie mir, oder Sie haben kein Ohr dafür.“ Er zählte an den Fingern ab. „Zweimal aus dem Rhythmus gefallen, der Übergang im Mittelteil zu hastig, und die linke Hand ist generell eine Katastrophe.“

Richard schwieg einen Moment. Dann: „Die linke Hand ist tatsächlich eine Katastrophe.“

Sie sahen sich an, schmunzelten und etwas entspannte sich im Raum.

„Du spielst Bach?“

„Es ist das einzige Stück, das ich kann.“

„Nur das eine?“

„Nur das eine. Ich spiele auf Jonas Keyboard, wenn er nicht zu Hause ist.“

Richard lehnte sich zurück. „Und? Wird es besser?“

„Die rechte Hand schon.“

Richard lachte. „Was treibt dich an? Disziplin oder Liebe zur Musik?“

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Beides vielleicht. Oder keins von beidem.“ Theo sah auf den Flügel. „Ich denke manchmal, Bach selbst wusste das auch nicht. Er war kein Romantiker, der auf Inspiration wartete. Eher Mathematiker, der existierende Strukturen freilegt.“

„Du meinst, ohne Gefühl?“

„Nicht ohne Gefühl. Aber das Gefühl folgt der Struktur, nicht umgekehrt.“ Theo sah, wie Richard zuhörte, und sprach weiter. „Es gibt einen Pianisten, Glenn Gould, der Bach so gespielt hat. Kalt, präzise. Die meisten fanden es falsch.“ Er zögerte. „Ich finde, er hat als Einziger wirklich zugehört.“

Richard sah ihn an. Eine Pause. „Richard.“ Er streckte die Hand aus. „Wir können gerne beim Du bleiben.“

„Theo.“

Schließlich erhob er sich und griff nach seiner Uhr. „Wir fahren gleich raus zum Segeln. Wenn du willst, kannst du mitkommen.“

Theo sah ihn an. „Ich war noch nie auf einem Segelboot.“

„Ich weiß.“ Richard ging zur Tür. „Deshalb frage ich.“

Fahrt

Der Porsche Cayenne glitt durch die Straßen von Blankenese, vorbei an Hecken und Einfahrten, dann hinein in das dichtere Hamburg. Richard fuhr, wie er alles tat: ruhig, kontrolliert, eine Hand am Lenkrad. Aus den Lautsprechern kam Velvet Underground, leise genug, um Gespräche zuzulassen, laut genug, um Stille zu füllen.

Theo sah aus dem Fenster. Backsteinfassaden, Brücken über Kanäle, dann die breiten Straßen Richtung Alster. Richard bemerkte, wie sein Blick an allem haftete, als sähe er die Stadt zum ersten Mal.

„Kennst du Hamburg?“

„Kaum. Jona hat nie viel erzählt.“

Richard nickte und sah auf die Straße. Das überraschte ihn nicht.

Er drehte den Ton etwas lauter, als Lou Reeds Stimme ins Zarte kippte. Die alten Platten, Classic Rock, Beach Boys, Fleetwood Mac, Otis Redding – Musik, die vor seiner Zeit hätte sein können und trotzdem zu ihm gehörte. In der Familie war das der einzige Punkt, über den sie nicht stritten. Das und der Cayenne, den er nicht hergeben wollte, weil die neuen Wagen keinen CD-Player mehr hatten.

„Kennst du Velvet Underground?“

Theo wandte den Blick vom Fenster. „Ich komm nicht ganz vom Mond.“

Richard lachte kurz. „Bei Jona weiß man nie. Der sitzt mit seinen Kopfhörern im Auto und hört Techno, als wäre die Welt schon untergegangen.“

„Ich mag alles, was wahrhaftig ist“, sagte Theo.

Wahrhaftig. Richard nickte, sagte nichts, aber das Wort blieb hängen.

Danach trat Stille ein. Richard merkte, dass er nicht wusste, worüber er mit diesem jungen Mann reden sollte, dieselbe Leere wie bei Jona, wie wenig er je gefragt hatte. Die Traurigkeit, die dabei aufstieg, war vertraut, fast routiniert.

Mit jungen Leuten hatte er es oft schwer. Zu viele redeten mehr über ihre Karriere als dass sie arbeiteten. Er hatte sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet, alleinerziehende Mutter, kein Netz, keine Ersparnisse. Er fand, das zählte.

Immerhin wusste er, dass Theo Architektur studierte.

„Was willst du mal machen?“ fragte Richard. „Wohnhäuser, öffentliche Gebäude?“

„Ich weiß es noch nicht genau“, sagte Theo. „Aber ich will Gebäude entwerfen, die von der Zeit erzählen, in der sie errichtet wurden.“

„Dafür brauchst du Auftraggeber, die es sich leisten können, Geschmack zu haben.“

„Ich werde sie finden“, sagte Theo.

Richard schwieg einen Moment. Er hatte Bewerbungsgespräche geführt, Hunderte, und kannte jeden Ton von Selbstüberschätzung.

„Das sind große Ziele.“

„Ich würde es nicht große Ziele nennen“, sagte Theo. „Was ist ein Leben, das sich zum Ziel setzt, Mittelmaß zu sein? Ich sehe das nicht ein. Menschen sollten nach dem Besten streben.“

Richard sagte nichts, aber etwas in ihm richtete sich auf. Das war eine Haltung, die er wiedererkannte – in sich selbst, vor dreißig Jahren, bevor die Kanzlei und die Kompromisse und der Alltag alles glattgeschliffen hatten.

„Wo willst du studieren?“

„Ich habe mich für einen Master in London beworben. Bartlett. Wenn das klappt, fange ich dort an.“

„London ist teuer.“

„Sehr. Ich bin auf ein Stipendium angewiesen.“ Er pausierte. „Mal sehen.“

„Was hast du bisher entworfen?“

„Letzten Sommer habe ich in Helsinki ein Praktikum gemacht. Irgendwann kam ein kleiner Auftrag rein. Sie haben mich ran gelassen.“ Er pausierte. „Daraus ist dann meine Abschlussarbeit geworden. Eine Bibliothek. Ein öffentlicher Ort, an dem man nichts kaufen muss, um dazuzugehören.“

Richard sah ihn an. „Und der Entwurf?“

„Wird gebaut.“

Richard sah auf die Straße. Die Alster kam in Sicht.

„Es gibt viele talentierte Menschen auf der Welt“, sagte er schließlich. „Sehr viele. Aber um es wirklich zu schaffen, braucht es andere Dinge.“

„Ich bin diszipliniert“, sagte Theo. „Und fleißig.“

Richard lachte leise. „Fleiß und Disziplin. Die guten alten deutschen Tugenden.“ Er schüttelte den Kopf. „Das wird nicht reichen. Nicht dort, wo du hinwillst.“

„Was braucht es dann?“

Richard schwieg. Er dachte an die Nächte in der Kanzlei, an die Mandanten, die er gewonnen hatte, an die, die er verloren hatte. An das, was ihn von denen unterschied, die auf halbem Weg stehen geblieben waren.

„Das lässt sich nicht erklären“, sagte er. „Aber glaub mir – du wirst es früh genug erfahren.“

Sie bogen auf den Parkplatz an der Alster ein. Richard stellte den Motor ab. Die Musik erstarb. Für einen Moment saßen sie schweigend im Wagen, jeder in seinen Gedanken, bevor Richard die Tür öffnete und die Luft vom Wasser hereinkam, kühl und nach Sommer riechend.

Alster

Paul stand bereits am Anleger, die Hände in den Hüften, den Blick halb auf die Alster, halb auf sein Telefon gerichtet. Er trug ein marineblaues Poloshirt und Segelschuhe. Als er Richard und Theo kommen sah, steckte er das Telefon weg und hob die Hand.

Richard spürte das vertraute Ziehen in der Brust – ein Gemisch aus Stolz und Fremdheit, das ihn jedes Mal überkam, wenn er seinen ältesten Sohn sah. Paul war ihm am ähnlichsten geraten: zielstrebig, diszipliniert, mit einem Ehrgeiz, der oft ins Verbissene kippte. Und doch war zwischen ihnen nie jene Wärme entstanden, die Richard sich gewünscht hatte.

„Vater.“ Paul streckte die Hand aus. „Schön, dich zu sehen.“

Sie schüttelten sich die Hand – eine Geste, die zwischen ihnen nur in seltenen Fällen zur Umarmung geworden war. Richard stellte Theo vor. Paul gab ihm die Hand, kurz und fest, der Blick bereits wieder halb auf der Alster.

„Jonas Mitbewohner, richtig?“

„Richtig.“

„Architektur?“

„Ja.“

„Guter Markt, wenn man die richtigen Leute kennt.“ Eine kurze Pause. „Zum ersten Mal segeln?“

„Zum allerersten Mal.“

Paul grinste. „Dann bist du bei meinem Vater in guten Händen. Der hat mich mit fünf aufs Wasser geschleppt, ob ich wollte oder nicht.“

Richard überging den Satz und legte Theo eine Hand auf die Schulter. „Du kommst mit auf mein Boot. Der Wind erklärt sich von selbst.“

Draußen auf dem Wasser änderte sich etwas. Die Stadt rückte weg, die Geräusche verloren ihre Schärfe, und die Alster lag vor ihnen wie ein Raum ohne Wände. Richard gab Anweisungen, kurz, präzise, ohne Ungeduld. Theo hörte zu, griff schnell, lernte die Knoten. Er machte Fehler, aber er machte keinen zweimal. Als eine Böe kam und das Segel sich aufbäumte, reagierte Theo, bevor Richard etwas sagen konnte.

Richard beobachtete ihn. Es war nicht Erfahrung, was der Junge hatte, es war etwas anderes, eine Aufmerksamkeit, die nicht nachlässt, ein Körper, der gewohnt war, auf Widerstand zu antworten. Man sah ihm das Training an, die Jahre im Wasser, die Disziplin, die sich in jeden Handgriff übersetzte.

„Als hättest du das schon immer gemacht“, sagte Richard.

Theo grinste. „Sag das nicht zu früh.“

Paul segelte sein eigenes Boot ein Stück voraus, wendete, kam zurück, und für einen Moment lagen die beiden Boote nebeneinander, und Richard sah seine beiden Söhne – den eigenen und den fremden – gleichzeitig auf dem Wasser, und etwas in ihm zog sich zusammen.

Sie segelten fast zwei Stunden. Am Steg bot Paul Theo an, noch ein Bier trinken zu gehen. Theo sagte zu, ohne zu zögern. Richard bemerkte es, sagte nichts.

„Gut gesegelt“, sagte Richard und reichte Theo die Hand.

„Danke fürs Mitnehmen.“

Richard nickte, stieg in den Cayenne und fuhr los. Im Rückspiegel sah er Theo und Paul den Steg hinuntergehen, Seite an Seite, im Gespräch, und er fragte sich, worüber die beiden redeten.

Hamburg Horn

Richard fuhr nicht nach Hause. Er fuhr durch die Stadt, über die Lombardsbrücke, am Hauptbahnhof vorbei, dann ostwärts, durch Hamm, durch Billstedt, bis die Straßen schmaler wurden und die Fassaden älter. Horn. Die alte Horner Rennbahn. Hier war er aufgewachsen.

Er parkte den Wagen an einer Seitenstraße und ging ein Stück zu Fuß. Die Gegend hatte sich verändert, neue Spielplätze, ein paar sanierte Blöcke, ein Supermarkt, wo früher die Drogerie gewesen war, und doch erkannte er alles wieder. Die Linden an der Straße, die Hinterhöfe, den Geruch von Asphalt und Flieder, der ihm jedes Mal die Kehle zuschnürte. Es war kein Ort, den er liebte. Aber es war sein Ort, und das ließ sich nicht löschen.

Die Kneipe lag an einer Ecke, unscheinbar, bräunliche Markise, ein verblasstes Schild über der Tür. Drinnen roch es nach Frittenfett und Holzpolitur, und die Tische hatten Ränder von Bierkrügen, die sich im Laufe der Jahrzehnte in das Holz gefressen hatten. Richard kannte den Wirt, kannte die Karte, kannte den Stuhl, auf dem er sich jetzt niederließ. Er bestellte ein Pils und wartete.

Mertens kam zehn Minuten später. Schon an der Tür blieb er stehen und sah sich um, als suche er nach dem Scherz. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug, der in diesem Raum wirkte wie ein Versehen.

„Eine Kneipe?“ Er schloss die Tür hinter sich. „Ich hatte Sie eher im Vierjahreszeiten erwartet. Oder wenigstens irgendwo, wo man das Besteck poliert.“

Richard deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. „Eben deshalb nicht. Dort wären wir die Beobachtung, hier sind wir nur Kulisse.“

Mertens ließ sich nieder, zog den Stuhl mit einer kleinen Geste auf Distanz. „Kulisse“, wiederholte er. „Sie waren doch immer der, der gern im Rampenlicht stand.“

Der Kellner brachte die Karten. Richard winkte ab. „Die Kartoffeln mit Matjes sind hervorragend.“

„Sie werden bodenständig. Fehlt nur noch, dass Sie mir Bier aus der Flasche empfehlen.“

„Das würde Ihnen ohnehin besser stehen.“

„Danke. Aber ich bleibe bei einem Pils vom Fass.“ Mertens gab die Karte zurück. „Essen kann warten. Reden nicht.“

Richard drehte sein Glas eine halbe Umdrehung auf dem Bierdeckel. Dann sah er Mertens an.

„Ich denke darüber nach, meine Kanzlei zu verkaufen.“

Mertens bewegte sich nicht. Nur seine Finger, die am Hemdkragen zupften, verrieten, dass der Satz angekommen war.

„Sie? Verkaufen?“ Eine Pause. „Ich hätte Sie eher im ewigen Aufsichtsrat gesehen. Die Jüngeren werkeln lassen, Sie oben in Messing und Glas.“

„Das interessiert mich nicht.“ Richards Stimme war leise, fast beiläufig. „Ich will Schluss machen. Ganz.“

Stille. Der Wirt stellte das Pils vor Mertens ab. Draußen fuhr ein Bus vorbei, dessen Bremsen quietschten. Zwischen ihnen lag das Gewicht von dem, was beide nicht sagten: die Jahre, die sie an diesen Beruf verloren hatten, die Wochenenden, die verschwanden wie Wasser im Sand, die Ehen, die daran zerbrochen waren oder sich daran gewöhnt hatten.

Mertens beugte sich ein Stück vor. „Also Familie. Endlich der Ehemann, der Vater.“ Er ließ den Satz in der Luft hängen und hob die Augenbraue. „Oder …“

Richard hielt seinen Blick. „Weder noch.“

„Dann was?“

„Meine Sache.“ Er nahm einen Schluck, stellte das Glas ab, genau auf den Ring, den es hinterlassen hatte. „Nur so viel: Ich habe da noch einen Traum. Alt, fast kindisch. Aber er ist geblieben. Und irgendwann muss man sich entscheiden, ob man ihm nachläuft – oder sich endgültig von ihm verabschiedet.“

„Sie machen es spannend.“

„Vielleicht“, sagte Richard, „geht es genau darum.“

Mertens schüttelte langsam den Kopf, aber es lag kein Widerspruch darin, eher Respekt vor etwas, das er nicht ganz verstand. Sie aßen Matjes und Kartoffeln, tranken ihr Bier und sprachen über andere Dinge: die Wettbewerbsbehörde, einen Mandanten, der Ärger machte, einen gemeinsamen Bekannten, der in den Ruhestand gegangen war und es bereits bereute. Aber der Satz stand im Raum, und Richard wusste, dass sich etwas verschoben hatte, das nicht zurückzuschieben war.

Als er später zum Wagen ging, warf die Dämmerung gedämpftes Licht auf den Asphalt, und aus einem geöffneten Fenster im zweiten Stock drang das Geräusch eines Fernsehers. Er blieb einen Moment stehen und sah die Straße hinunter, die er als Kind entlanggelaufen war, jeden Tag, ohne nachzudenken. Jetzt dachte er nach. Über das, was er gebaut hatte. Über das, was er aufgeben wollte. Über den Traum, den er Mertens nicht genannt hatte und der sich anfühlte wie etwas, das gleichzeitig lächerlich und lebensnotwendig war.

Er stieg ein, ließ den Motor an, und Lou Reed sang ihm den Weg nach Hause.

Kapitel 3

Galerie

Svea stand in ihrer Galerie in Blankenese. Der Raum war still, eine Kundin bewegte sich vorsichtig zwischen den Bildern, blieb schließlich vor einer Leinwand stehen: kräftige Striche, ein Ausbruch von Farben, roh und unbezwungen.

„Abstrakter Expressionismus?“ fragte die Frau leise.

Svea trat näher. Sie kannte die Frage, kannte die Antwort, kannte das Gespräch, das jetzt kommen würde. „Man kann es so nennen. Aber entscheidend ist nicht nur, was man sieht, sondern auch wie es entstanden ist.“

Die Kundin nickte, zog dann ihr Telefon hervor und zeigte ein Foto. Ein Bild einer Freundin. Die Formen waren ähnlich, die Farbigkeit vertraut und doch fehlte etwas. Eine Tiefe, ein Atem.

„Sehen Sie“, sagte Svea, „genau darum geht es. Ohne den Prozess, ohne das Ringen des Künstlers, ist es nur Farbe auf Leinwand. Der Unterschied liegt nicht im Motiv, sondern in der Geschichte. Kunst muss eine Geschichte erzählen, sonst bleibt sie Dekoration.“

Sie sprachen noch eine Weile, über Bilder, über Zufall und Absicht, über den schmalen Grat zwischen Ausdruck und Willkür. Dann verabschiedete sich die Kundin, hinterließ den Raum wieder still.

Svea löschte die Spots über den Bildern, setzte sich an den Schreibtisch und klappte ihr MacBook auf. Sie klickte durch die E-Mails: Rechnungen, Einladungen, Rückfragen. Nichts, was sie aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Aber das konnte fast nichts.

Dann blieb ihr Blick an einem Absender hängen.

Ein Name, den sie lange nicht gelesen hatte. Einer, den sie vergessen wollte. Einer, von dem sie geglaubt hatte, er sei vergessen.

Ihr Atem stockte. Ihre Finger lagen auf dem Trackpad, reglos, als hätte der Körper schneller begriffen als der Verstand.

Sie klickte.

Die Nachricht bestand aus einem einzigen Satz:

Manche Farben trocknen nie.

Svea starrte auf den Bildschirm, unfähig, den Satz loszulassen. Die Buchstaben standen da, schwarz auf weiß. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten. Dann wischte sie sich hastig über die Wange, klappte das MacBook zu und verließ die Galerie.

Fahrt

Svea ließ sich in den niedrigen Sitz fallen, schlug die Tür ins Schloss, der Schlüssel drehte sich und der Jaguar antwortete mit einem tiefen Grollen. Sie legte die Hand fester ans Lenkrad. Ein kurzer Druck aufs Gaspedal, der Wagen riss nach vorn und zeigte, dass er nicht für Zögern gebaut war.

Blankenese glitt an ihr vorbei. Sie schaltete hoch, der Motor brüllte, und ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Die Passanten drehten sich nach dem Wagen um, ihre Haare wehten frei und sie drückte das Gaspedal tiefer. Doch jedes Mal, wenn sie umgriff, war da noch dieses kleine Beben. Manche Farben trocknen nie.

Sie bog in eine neue Straße ein, gab Gas, hörte das Kreischen der Reifen auf dem Pflaster.

Sie dachte an das Atelier. Den Geruch von Farbe und Terpentin, die Unordnung, die Leinwände, die an den Wänden lehnten wie betrunkene Gäste. Seine Stimme, wenn er lachte, seine Hände an ihrem Gesicht, die Farbe unter seinen Nägeln, die nie ganz verschwand. Einmal hatte er sie gemalt. Sie hatte das Bild nie vergessen — nicht, weil es schlecht war, sondern weil es stimmte.

Sie hatte sich in diesem Atelier gefühlt wie jemand, der zum ersten Mal richtig atmet. Und genau deshalb war sie gegangen.

Weil ein Leben, das sich so leicht anfühlte, nicht stabil sein konnte. Weil sie gelernt hatte, dass Stabilität Opfer verlangt, und das größte Opfer war, auf das zu verzichten, was man wirklich wollte.

Sie hatte sich für Richard entschieden. Für die Erwartungen, für die Struktur, für ein Leben, das von außen aussah wie ein Erfolg und von innen wie ein Plan, der aufgegangen war. Es war nicht falsch gewesen, sagte sie sich. Nicht falsch, sondern notwendig. Sie hatte drei Kinder großgezogen, ein Haus geführt, eine Galerie eröffnet, hatte immer funktioniert, immer geliefert, immer die Frau gewesen, die man erwartete. Und wenn nachts, in den seltenen Momenten, in denen das Haus still war und Richard in seinem Arbeitszimmer saß, ein Gefühl hochkroch, das sie nicht benennen wollte – dann drückte sie es hinunter.

Und jetzt diese E-Mail. Ein einziger Satz, und die Schublade stand offen.

Haus

Hinter den Villenvierteln wurde es grüner. Die Straßen verengten sich, Bäume rückten näher. Rechts und links hinter den Zäunen und Hecken lagen die großen Waldgrundstücke, still, beinahe abwesend.

Vor einem Metalltor hielt sie an, stellte den Motor ab und blieb sitzen.

Das Haus stand weiter draußen, halb verdeckt. Weißer Putz, grüne Fensterläden, ein Eingang, der früher ein Vordach aus Ziegeln gehabt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie der Regen darauf getrommelt hatte, wenn ihr Vater sie morgens zur Schule brachte. Das Vordach war weg, ersetzt durch etwas Moderneres aus Glas, und die Fensterläden hatten ihre Farbe geändert. Aber die Proportionen des Hauses waren dieselben, und die Buchen standen noch immer da, älter, massiger, mit Kronen, die sich über der Einfahrt berührten.

Ihre Familie war im Teehandel reich geworden. Nicht reich im Sinne von Blankenese-reich, sondern hanseatisch wohlhabend, mit einem Namen, der in bestimmten Kreisen noch etwas galt, und einem Stolz, der größer war als das Vermögen. Ihr Vater hatte die Firma geerbt und, wie er es ausdrückte, „in schwieriges Fahrwasser geführt“. In Wahrheit hatte er sie in die Insolvenz getrieben. Er hatte die Veränderungen auf dem Weltmarkt nicht sehen wollen: die neuen Wettbewerber aus Ostasien, die sinkenden Margen. Sehen hätte bedeutet, sich zu ändern, und Ändern war etwas, das Hallings nicht taten.

Als das Haus verkauft wurde, war Svea sechzehn. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem die Möbelwagen kamen, an das Geräusch der Schränke, die über den Steinboden geschoben wurden, an ihre Mutter, die am Küchenfenster stand und nichts sagte. Ihr Vater hatte im Arbeitszimmer gesessen und Briefe geschrieben. Später zogen sie in eine Mietwohnung in Eppendorf, vier Zimmer für fünf Personen, niedrigere Decken als alles, was Svea kannte, und ein Treppenhaus, in dem es nach fremdem Essen roch. Ihre Mutter sprach nie über das Haus. Ihr Vater sprach über nichts anderes.

Jetzt stand es zum Verkauf. Svea hatte es von einer gut informierten Kundin erfahren. Sie hatte den Preis gehört und gedacht: Das könnten wir. Zum ersten Mal in ihrem Leben war das kein Traum, sondern eine Möglichkeit.

Aber wer sollte darin wohnen? Sie und Richard, allein in diesem riesigen Haus, in dem jeder Raum nach einer Vergangenheit roch, die nicht seine war? Schwer vorstellbar. Richard würde die Zimmer zählen, die Instandhaltungskosten kalkulieren, nach dem Sinn fragen und er hätte Recht, auf seine Art. Svea wusste, dass der Kauf nicht rational war. Er war etwas anderes. Er war eine Rückholung. Eine Wiedergutmachung an einem Ort, der ihr genommen worden war, und an Eltern, die es nicht mehr erleben würden, aber die – davon war Svea überzeugt – es irgendwie spüren würden.

Sie hatte immer davon geträumt, dass Juli eines Tages hier einziehen würde. Juli mit einer Familie, Juli mit Kindern, die über denselben Rasen rennen würden, über den Svea als Kind gerannt war. Es war ein Bild, das sie in sich trug wie ein Medaillon.

Svea stieg aus dem Wagen und trat ans Tor. Der Metallgriff war kalt unter ihren Fingern. Sie spähte durch die Gitterstäbe, sah die Auffahrt, den Rasen, die Stufen zur Haustür. Alles war gepflegt, aber auf eine anonyme Art.

Dann tauchte ein Gärtner auf, hinter der Hecke, Handschuhe, Schubkarre. Er sah sie an, freundlich, fragend. „Kann ich Ihnen helfen?“

Svea öffnete den Mund. Sie wollte etwas sagen – dass sie das Haus kenne, dass sie hier aufgewachsen sei, dass sie – aber nichts kam. Sie lächelte, kurz, geschäftsmäßig, und sagte: „Nein, danke. Falsches Haus.“

Sie stieg wieder ein, ließ den Motor an und fuhr nach Hause.

Auf dem Rückweg, in einer Kurve, in der die Bäume sich über die Straße beugten, kam ihr der Satz wieder in den Sinn.

Manche Farben trocknen nie.

Und diesmal drückte sie ihn nicht hinunter. Sie ließ ihn da, wo er war – in der Brust, hinter den Rippen, an der Stelle, wo sie früher gespürt hatte, dass sie am Leben war.

Kapitel 4

Haus

Jona lag im Bett, die Decke bis zur Brust, den Laptop auf dem Bauch. Das Zimmer roch nach Schlaf, draußen war es hell, wahrscheinlich Nachmittag, aber die Jalousien waren unten, und das Licht, das durchkam, war dünn und grau und reichte nicht, um irgendetwas zu verändern.

Er lauschte. Keine Stimmen, keine Schritte, kein Klappern aus der Küche. Das Haus war still.

Jona wartete noch eine Minute. Dann klappte er den Laptop zu, schob die Decke zur Seite und stand auf.

Das Haus war leer. Er spürte es sofort — nicht nur die Abwesenheit von Menschen, sondern die Abwesenheit von Erwartung. Kein Blick, der fragte, wie es ihm ging. Keine Mutter, die Teller auf den Tisch stellte und damit meinte: Funktioniere. Er liebte diesen Zustand. Er hasste, dass er ihn liebte.

Er ging die Treppe hinunter, barfuß, in Boxershorts und einem T-Shirt, das er in Berlin von einem Typen bekommen hatte. Im Erdgeschoss war es kühl und still, und er ging durch die Räume wie jemand, der ein Museum betritt, in dem er aufgewachsen ist.

Im Flur, hinter der Treppe, war die Ecke. Eine große Weltkarte, laminiert, mit roten Stecknadeln an den Orten, die sie besucht hatten. New York, Rio, Tokio, die Serengeti, der Polarkreis, Neuseeland. Daneben die Fotos: die Familie vor dem Taj Mahal, die Familie auf einem Kamel, die Familie in Gummistiefeln auf Island. Alle lachend, alle in der richtigen Kleidung. Es war der einzige Kitsch, den Svea sich bei der Einrichtung erlaubt hatte — die Mutter durfte sentimental sein, solange es hinter der Treppe blieb.

Kein weißer Fleck auf der Karte. Svea hatte die Reisen immer geplant, wochenlang, mit Listen und Reiseführern. Zwei Wochen pro Jahr, nie länger, weil Richard nicht länger von der Kanzlei wegbleiben konnte. Zwei Wochen, in denen alles perfekt sein musste, weil es dafür das ganze Jahr lang nicht war.

Daneben die Glasvitrine. Pauls Hochzeit in Keitum. Julis Konfirmation, ernst und aufrecht, als hätte sie schon mit vierzehn gewusst, wohin sie wollte. Die Eleonore unter vollen Segeln, Richard am Steuer, Svea mit dem Lächeln, das sie für Kameras reservierte. Und Jona selbst, zwölf Jahre alt, dünn, gebräunt, mit einem Grinsen, das er nicht wiedererkannte.

Jona zog sein Handy aus der Tasche und scrollte. Seine Bilder. Er, immer schwarz gekleidet, blasse Haut, dünner als früher, immer nachts, immer in Räumen, in die kein Stecknadel-Rot passte. Clubs in Neukölln, Dachterrassen im Morgengrauen. Männer, deren Gesichter er kannte und deren Namen er vergaß. Die Bilder, die man nicht in eine Glasvitrine stellt.

Er hielt das Handy neben die Vitrine. Zwei Sammlungen, zwei Leben. Eines, das an die Wand durfte, und eines, das im Telefon blieb.

Er hatte einen digitalen Bilderrahmen gekauft, für Richards Sechzigsten. Er holte ihn aus dem Zimmer, noch in der Verpackung, und begann, Bilder auszuwählen. Keine Familienfotos. Stattdessen eigene Arbeiten, die bei den Hallings noch durchgehen würden. Porträts: ein alter Mann in einer Trinkhalle in Wedding, eine Nachtschwärmerin vor dem Berghain. Urbane Fotografie: Brücken, Beton, Licht auf nassem Asphalt. Es war gut. Vielleicht. Es war das Einzige, wovon er das manchmal glaubte.

Aber es fehlten Landschaftsbilder. Sein Vater mochte Landschaften: Berge, Meer, Horizonte. Jona hatte nie Landschaften fotografiert. Vielleicht auf Sylt, dachte er.

Dann hörte er den Kies. Ein Auto in der Einfahrt, ein Motor, der abgestellt wurde.

Jona legte den Rahmen auf den Nachttisch, zog die Decke über sich und drehte sich zur Wand. Die Knie angezogen, die Augen zu. Er hörte, wie die Haustür aufging und tauchte ab.

Kapitel 5

Bar

Die Bar hieß „Deck 7“ und lag in einer Seitenstraße nahe der Alster, mit großen Fenstern, dunklem Holz und einem Fernseher, auf dem Fußball lief. Paul hatte einen Tisch reserviert. Neben ihm saßen zwei Freunde, Arne und Björn, beide Anfang dreißig, beide Kragen hochgeschlagen, beide mit der Art von Selbstbewusstsein, das entsteht, wenn man nie ernsthaft gescheitert ist.

Theo saß am Rand und trank sein Bier.

Eigentlich hasste er Fußball. Sein Vater hatte es ihm beigebracht: Fußball war das Opium der Massen, der Sport, der alles andere verdrängte. Leichtathletik, Schwimmen, Triathlon – Sportarten, in denen Disziplin zählte, nicht Glück, nicht das Kollektiv, nicht der Torwart, der einen schlechten Tag hatte. Sein Vater konnte stundenlang darüber reden, wie ungerecht die Aufmerksamkeit verteilt war.

Aber als Paul gefragt hatte, ob er mitkommen wolle, hatte Theo zugesagt. Nicht weil Paul ihm sympathisch war, sondern aus einer Neugier, die eher soziologisch war als sportlich. Jona hatte jahrelang über seinen Bruder und dessen Freunde gespottet: die Polo-Shirts, die Sprüche, das Gel, die Gewissheit, auf der richtigen Seite der Welt zu stehen. Theo wollte sehen, ob der Spott gerecht war.

Auf dem Bildschirm spielte der HSV. Zweite Liga, letzter Spieltag, der Aufstieg bereits verpasst und die Stimmung am Tisch irgendwo zwischen Trotz und Verbitterung. Arne und Björn nahmen es persönlich und nicht mit dem Humor, den andere Fans sich zulegten, sondern mit einem Ernst, der verrät, dass hier mehr auf dem Spiel stand als drei Punkte.

„Das ist doch alles nur noch Missmanagement“, sagte Arne und stellte sein Glas so hart ab, dass Bier überschwappte. „Die Leute an der Spitze haben keinen Plan. Null Vision.“

„Hätten die mal jemanden mit echtem Business-Verstand rangelassen“, sagte Björn. „Nicht diese Ex-Profis, die denken, weil sie mal einen Ball treten konnten, könnten sie auch einen Verein führen.“

Paul nickte, verschränkte die Arme. „Ich sag’s euch, in fünf Jahren hat das ein KI-System besser im Griff als jeder Sportdirektor.“

In der Halbzeitpause verlagerte sich das Gespräch, wie es das bei solchen Runden immer tat: von Sport zu Arbeit, von Arbeit zu Geld, von Geld zu den Dingen, die man mit Geld kaufen oder beweisen konnte. Arne arbeitete bei einer Unternehmensberatung und sprach darüber, als wäre es Kriegsdienst. Björn hatte gerade in Krypto investiert, erzählte von Coins mit Namen, die klangen wie Medikamente, und davon, dass man „jetzt noch einsteigen“ müsse, bevor es zu spät sei. Paul erklärte sein eigenes Start-up, ein Legal-Tech-Unternehmen, das mithilfe von künstlicher Intelligenz juristische Standardverträge automatisieren sollte.

Theo hörte zu und musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu lachen. Es war so offensichtlich, dass es beinahe rührend war: Paul, der Sohn eines der erfolgreichsten Wirtschaftsanwälte Hamburgs, der wusste, dass er als Anwalt nie an den Vater herankommen würde, also baute er etwas, das alle Anwälte überflüssig machen sollte. Theo hätte es tragisch gefunden, wenn es nicht so komisch gewesen wäre.

Zwischendurch redeten sie über Schlagzeilen, die in der Bild-Zeitung standen und die man belächelte, aber kannte, „weil das eben alle lesen“. Über Politiker, die sie verachteten, aber deren Entscheidungen sie erstaunlich genau verfolgten. Über Frauen, in Andeutungen, die man erst beim zweiten Hinhören verstand.

Theo verhielt sich zunächst still, hörte zu, versuchte den Raum zu lesen. Er kannte solche Runden, nicht aus eigener Erfahrung, aber aus Beobachtung. Er wusste, wie man dazugehört, ohne sich zu verraten. Zwischendurch stellte er Fragen, kleine, gezielte Fragen, die zeigten, dass er aufmerksam war. Und einmal, als das Gespräch auf ein bestimmtes Viertel kam, machte er eine Bemerkung – beiläufig, eine Spur zu scharf –, die nur bei genauem Hinhören als das erkennbar war, was sie war: ein Test. Eine ausgestreckte Hand, die sagte: Ich bin einer von euch.

Er war keiner von ihnen. Aber er wollte sehen, was passierte, wenn sie glaubten, er sei es.

Und es funktionierte. Sobald sie sich sicher fühlten, fielen die Masken. Arne machte einen Witz über Geflüchtete, der nicht als Witz verkleidet war. Björn legte nach, abfälliger, direkter. Paul lachte, nicht laut, aber auch nicht leise genug, um sich später herauszureden. Männer, die sich gegenseitig bewiesen, dass sie keine Angst hatten, auszusprechen, was „man ja wohl noch sagen darf“.

Theo nickte, lächelte, hob sein Glas. Und sammelte. Er sammelte Munition – Sätze, Gesten, Tonlagen –, nicht weil er sie jetzt brauchte, sondern weil er wusste, dass der Tag kommen würde, an dem er sie verwenden konnte.

In der Halbzeit vibrierte sein Telefon. Eine Nachricht von Juli.

Bin noch mit Marc und Andrea auf einer Ausstellung in Eimsbüttel. Magst vorbeikommen?

Theo sah auf den Bildschirm, dann auf den Tisch, auf Arne, der gerade erklärte, warum man „den Osten“ wirtschaftlich endlich aufgeben sollte, auf Björn, der etwas auf seinem Handy zeigte, das Gelächter auslöste, auf Paul, der sein Bier wie ein Zepter hielt. Die zweite Halbzeit lief, der HSV lag zurück, und die Stimmung am Tisch war so sauer wie das Bier warm.

Theo tippte zurück: Komme nach dem Spiel.

Er blieb bis zum Abpfiff. Man bricht nicht mittendrin auf, das hatte ihm sein Vater beigebracht – nicht beim Training, nicht beim Wettkampf, nicht bei einem Abend, zu dem man zugesagt hat. Außerdem war die Niederlage des HSV noch unerträglicher für die drei als der bisherige Spielverlauf, und Theo wollte sehen, wie sie damit umgingen. Die Antwort war vorhersehbar: Sie zahlten wütend, gaben zu wenig Trinkgeld und verließen die Bar mit der Miene von Männern, denen die Welt etwas schuldete.

Theo verabschiedete sich am Eingang. Paul schlug ihm auf die Schulter.

„War gut, dich dabeizuhaben“, sagte er.

„Danke für die Einladung.“

„Nächstes Mal gewinnen wir.“

Theo lächelte, hob die Hand und ging.

U-Bahn

In der U-Bahn war es ruhig. Samstagsabendpublikum: ein Pärchen, das sich aneinander lehnte, ein Mann mit Kopfhörern und geschlossenen Augen, eine Gruppe Teenager, die zu laut lachte und sich gegenseitig filmte. Theo saß am Fenster und sah hinaus in den Tunnel, wo nichts zu sehen war außer dem eigenen Spiegelbild.

Hamburg. Er mochte die Stadt, stellte er fest, ohne großes Nachdenken. Es war nicht so heruntergekommen wie Berlin, nicht so müde, nicht so stolz auf seine eigene Hässlichkeit. Hamburg hatte etwas, das Berlin fehlte: eine entspannte Weltläufigkeit. Die Stadt war es gewohnt, dass Schiffe kamen und gingen, Menschen kamen und gingen, und alles irgendwie weiterlief.

Er dachte an den Nachmittag. An Paul und seine Freunde, an ihre Gewissheiten, ihre blinden Flecken, ihre Angst, die sie hinter Arroganz versteckten. Es war lehrreich gewesen, auf die Art, wie ein Museumsbesuch lehrreich ist – man betrachtet etwas hinter Glas und ist froh, dass man nicht darin lebt. Er hatte bekommen, was er wollte. Er lehnte den Kopf an die Scheibe und sah sein Spiegelbild im Tunnel, das ihn ansah, als hätte es nichts zu verbergen.

Ausstellung

Die Galerie war in einem Hinterhof, erreichbar durch eine schmale Durchfahrt, die nach Regen und altem Putz roch. Drinnen war es hell, laut, voll, ein anderes Publikum als beim Brunch, aber nicht das, was Theo aus Berlin kannte. Hier trugen die Leute Vintage, aber mit Qualität. Die Schuhe waren abgewetzt, aber die richtige Marke. Flippig, aber nicht zu flippig. Blankenese in der Verkleidung von Eimsbüttel.

Er sah Juli sofort. Sie stand an der Fensterfront, Sektglas in der Hand, es schien ihr Standardzubehör zu sein, und redete mit einem Paar, das neben ihr stand. Als sie Theo entdeckte, hob sie die Hand und grinste.

„Da bist du ja. Wie war’s mit Paul?“

„Informativ.“

Juli lachte. „Das ist das Netteste, was je jemand über einen Nachmittag mit meinem Bruder gesagt hat.“

Sie stellte ihn vor. Marc und Andrea, beide Anfang dreißig, er dünn und ernst mit einer randlosen Brille, sie klein, wach, mit einem Lachen, das den ganzen Raum erreichte. Sie wohnten in Brüssel, er arbeitete bei der EU-Kommission, sie als freiberufliche Übersetzerin. Sie waren auf Heimatbesuch, wie Juli, und Theo verstand sofort, was die drei verband: Sie waren die Ausreißer. Die, die aus Blankenese kamen, aber sich weigerten, Blankenese zu sein.

„Juli hat erzählt, was beim Brunch passiert ist“, sagte Andrea und lachte herzhaft. „Johann Halts-Maul.“

„Es war ein Reflex“, sagte Theo.

„Trotzdem“, sagte Marc grinsend. „Es war überfällig. Jedes Mal, wenn wir hier sind, hält er Hof, als wäre Blankenese sein Königreich.“

Theo grinste, stieß an und trank. Es war ein seltsames Gefühl, er hatte am Morgen noch als Eindringling am Brunch-Tisch gestanden, und jetzt war er Held einer Geschichte, die schon weitergetragen wurde.

Sie gingen durch die Ausstellung. Die Bilder an den Wänden waren großformatig, abstrakt, in gedeckten Farben – nichts, was Theo aufgeregt hätte, aber er spürte, dass es hier nicht um die Kunst ging. Es ging um den Raum, die Leute, das Gefühl, dazuzugehören, ohne sich anstrengen zu müssen. Juli kannte die Hälfte der Anwesenden, begrüßte sie mit Wangenküssen und schnellen Sätzen, und Theo beobachtete, wie mühelos sie sich bewegte, von Gruppe zu Gruppe, von Gespräch zu Gespräch, als wäre die ganze Welt ein Wohnzimmer, in dem sie sich auskannte.

„Später gehen wir noch auf eine Party“, sagte Juli und lehnte sich zu ihm. „Freunde von Marc, Altbauwohnung in Eimsbüttel. Wird entspannt.“

„Klingt gut.“

„Klingt gut?“ Juli zog eine Augenbraue hoch. „Du bist wirklich nicht leicht zu begeistern.“

Theo sah sie an. Das Sektglas in ihrer Hand, die Leichtigkeit in ihrem Gesicht, die Müdigkeit darunter, die sie nicht ganz verbergen konnte. Sie war anders als der Rest ihrer Familie – nicht weil sie weniger privilegiert war, sondern weil sie wusste, dass sie es war, und sich dafür weder schämte noch entschuldigte.

„Ich bin dabei“, sagte er. „Ich bin absolut dabei.“

Juli lächelte, und Theo dachte, dass er dieses Lächeln gern noch einmal sehen würde.

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