Leseprobe

Kapitel 1

Zugfahrt

Der Zug fuhr durch das flache Land. Theo saß am Fenster, sein Blick glitt über Weizenfelder, Viehweiden und vereinzelte Bäume, die verloren in der Landschaft standen.
Jona schlief ihm gegenüber, zusammengesackt, den Kopf an die Scheibe gelehnt. Theo dachte an das, was kommen sollte: Hamburg Blankenese. Ein Haus, das er nie betreten hatte. Jonas Mutter, die ihm stets das Gefühl gab, fehl am Platz zu sein. Jonas Vater, den er noch nie gesehen hatte. Und Geschwister, die er nur aus Jonas Geschichten kannte: Paul, der ältere Bruder, Ziel seiner Spottlust, und Juli, die Schwester, über die er nie ein böses Wort verlor.
„Reinen Tisch machen“ – so hatte Jona es genannt. Theo hatte erwartet, dass es um etwas gehen würde, das tief schnitt: Drogen, Männer oder wenigstens ein Eingeständnis, dass er sich verloren hatte. Stattdessen hatte Jona gesagt, er wolle aufhören zu studieren. Architektur sei nicht sein Leben. Er wolle fotografieren. Künstler sein. Frei.

Theo wusste nicht, ob er darüber lachen oder schweigen sollte. Es war typisch Jona, die große Geste, der Ausbruch, der als Neubeginn verkauft wird. Vielleicht kam er mit, weil er sehen wollte, wie Jona diese Wahrheit aussprach. Oder weil er wissen wollte, ob sie überhaupt fiel.
Drei Jahre WG: Man teilt Räume, Geschichten, Abende, und mit der Zeit auch das Schweigen. Was sie verband, hatte sich schon lange von Freundschaft entfernt – es war eher ein Pakt, der aus unausgesprochener Abhängigkeit bestand.

Am Rand seines Blickfeldes bewegte sich Jona. Er rieb sich die Augen, blinzelte ins Licht.
„Schon bald da?“
„Noch zwanzig Minuten.“
Jona nickte, sagte nichts weiter. Die Bremsen zogen an. Dächer rückten näher, Schilder tauchten auf. Theo atmete tief ein, als würde er sich selbst etwas beichten müssen.

S-Bahn

Im Tunnel unter dem Hauptbahnhof war nur Dunkelheit. Betonwände glitten vorbei, Neonlicht flackerte an den Scheiben. Dann brach die S-Bahn ins Tageslicht. Hamburg zog vorüber, graue Fassaden mit leuchtenden Graffiti, eine Stadt zwischen rau und schön.
Je weiter sie fuhren, desto mehr wurde das Grau von Grün verdrängt. Vorgärten mit blühendem Flieder, Reihenhäuser hinter frisch gestrichenen Zäunen, dann große Grundstücke mit gepflegten Hecken. Schließlich, wie eine stille Ankündigung, schimmerte die Elbe ins Blickfeld: breit, träge, mit Schiffen, die lautlos über das Wasser zogen.
Blankenese.
Der Bahnhof war klein, sauber, beinahe makellos. Sie gingen los, Jona vorn, Theo einen Schritt dahinter. Links und rechts standen Villen, manche alt und verwittert, andere glatt und neu, mit Glasfronten und Hanglage.
Sie erreichten das Treppenviertel. Weiße Häuser mit blauen Fensterläden reihten sich den Hang hinunter, der Fluss unten glitzernd im Sonnenlicht. Jona lehnte sich ans Geländer, ließ den Blick hinunterfallen. „Jeden Winkel hier hab ich gehasst.“ Er sagte es ohne Bitterkeit, beiläufig, wie eine Feststellung über das Wetter. Theo sah ihn an und sagte nichts.
Der Weg führte sie über schmale Stufen zu einem kleinen Park. Von hier hatte man eine weite Aussicht auf die Elbe. Jona ließ sich ins Gras fallen, und drehte einen Joint.
„Nur kurz ankommen“, sagte er und zündete ihn an. Der Rauch stieg in die Luft. „Willst du?“
Theo schüttelte den Kopf. „Wenn ich jetzt anfange, komm ich gar nicht mehr klar.“
„Weißt du noch Potsdam, im Park Sanssouci?“ fragte Jona. „Du warst überzeugt, der Rasen atmet.“
Theo lachte leise. „Hat sich damals auch so angefühlt.“
„Vielleicht schaffen wir’s ja, auch hier ein bisschen Spaß zu haben“, sagte Jona und blinzelte gegen die Sonne. „So wie früher.“
Theo sah ihn an, die Müdigkeit in den Augen, der Trotz in den Schultern, das Bedürfnis, das er nicht aussprach. Theo nahm den Joint, zog vorsichtig. Der Rauch brannte, aber die Wärme der Sonne legte sich wie ein stilles Versprechen auf seine Haut.

Ankommen

Theo stolperte als Erster über die Schwelle. Der Flur war makellos – Steinboden, irgendwo stand ein Blumenstrauß, frisch, als sei das hier jeden Tag Bühne. Er war viel zu breit dafür. Schon beim ersten Atemzug merkte er, dass er auffiel. Er hasste diese Häuser: alles durchkomponiert, keine Risse, keine Spuren. Man selbst wurde sofort zum Fleck.
Svea stand da und sah ihn an. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er sie gesehen hatte, damals beim Einzug in die WG. Dieser Blick, der einen in Sekunden einordnete. Heute, Jahre später, dieselbe Aufmerksamkeit und Theo spürte den vertrauten Stich im Magen.
Sie stellte Fragen. Banales Zeug, belanglos, aber aufgeladen. Er hörte kaum hin, sah stattdessen Jona neben sich, wie er antwortete, abgehackt, fast kindlich.
Svea wandte sich Theo zu, fragte nach dem Haus, ob ihm die Architektur gefalle. Noch bevor er Luft holen konnte, fiel Jona dazwischen.
„Mum, please stop it.“
„Warum denn? Man darf einen angehenden Architekten wohl nach seiner Meinung fragen.“
„Darum geht’s nicht.“
„Um was dann?“
„Keiner hat Lust, schon wieder diese beknackte Geschichte über das Haus zu hören.“
Svea straffte sich. „Deine Vorfahren haben viel gearbeitet, um dieses Haus zu kaufen.“
Jona rollte die Augen.
Das Gespräch verebbte. Svea stand noch im Flur, die Hände ineinander verschränkt, und sagte, sie könnten sich am Kühlschrank bedienen.
Jona zog die Schultern hoch. „Wir sind müde“, sagte er. „Wir schauen nur noch einen Film und bestellen Pizza.“
Ein kurzer Moment Stille. Svea sah ihn an, den Mund leicht geöffnet, wartete, ließ ihn nicht sofort aus der Verantwortung. „Willst du nicht warten, bis deine Schwester kommt?“
Jona sah weg, drehte den Kopf zur Seite. „Wir sind wirklich müde.“
Theo presste die Lippen zusammen, um das Grinsen zu halten. Klar, müde. Dabei hat Jona letzte Nacht nur zu lange gesoffen, und sie hingen jetzt wie Reste rum.
Die Treppe hinauf: Die Stufen waren breit und gaben keinen Laut von sich. Der Flur oben war still, die Türen geschlossen, warmes Licht auf Bildern, die jemand mit Sorgfalt ausgewählt hatte. Theo ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er legte die Hand an die Klinke, da hörte er es unten erneut klingeln. Schritte im Flur, die Haustür, ein kurzes Durcheinander von Stimmen. Dann Julis Lachen, das durch das ganze Haus drang.

Aufstehen

Theo stand auf. Neben ihm lag Jona, blass, die Stirn verschwitzt. In der Nacht hatte er zweimal mit blutender Nase das Bad aufgesucht, der Husten trocken und tief, ein Körper, der sich von innen aufrieb.
„Ich bin krank“, murmelte er.
Theo nickte, zog sich leise an und ging die Treppe hinunter.
In der Küche stand eine Frau. Sie trug ein helles Sommerkleid und bewegte sich in diesem Haus mit einer Selbstverständlichkeit, die Theo einen Moment lang innehalten ließ.
„Du musst Theo sein“, sagte sie.
„Ja. Und du bist …?“
„Juli. Jonas Schwester.“
Theo nickte. „Er ist krank.“
„Was hat er denn?“
„Nasenbluten.“ Theo stockte. „Und Fieber, glaub ich.“
Juli verzog den Mund zu einem kleinen Grinsen. „Er kann’s einfach nicht lassen.“
„Was denn?“
„Zu viel, von allem.“ Sie öffnete den Kühlschrank, nahm sich ein Glas Wasser. „Willst du einen Kaffee?“
„Nein, danke. Ich wollte gleich schwimmen gehen.“
„Wo denn?“
„In der Elbe.“
Juli lachte. „For real?“
„Ja. Warum nicht?“
„Weil sie dreckig ist. Und gefährlich. Eigentlich sollte man da nicht mal baden.“
„Ich schwimme parallel zum Ufer.“
„Das sagen alle, bevor sie abtreiben.“
„Ich krieg das schon hin.“
Juli lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Wie du meinst. Ich geh gleich zu Freunden brunchen. Wenn du willst, kannst du ein Stück mitlaufen.“


Sie verließen das Haus. Die Straßen von Blankenese lagen still, die Gärten im frühen Licht, weiße Fassaden, sauber und geschlossen.
Sie sprachen über London. Theo erzählte, dass er sich dort für ein Masterstudium beworben hatte, Juli erwähnte ihre Arbeit für eine englische Zeitung.
„Das Leben dort ist aufregend“, sagte sie. „Aber manchmal auch leer. Und teuer. Manchmal hab ich gedacht: Berlin wäre leichter gewesen.“
Theo grinste. „In Berlin ist es nicht mehr billig. Und aufregend … naja, hängt davon ab, ob man es sich leisten kann keine Ambitionen zu haben und ständig high zu sein.“
Juli lachte, und es klang ehrlich.
„Es ist schön, dich endlich mal zu treffen“, sagte sie. „Jona redet oft von dir.“
„Ach ja?“
„Dass du viel denkst. Und wenig redest.“
Theo grinste. „Kommt auf die Gesellschaft an.“
Juli sah ihn an. „Wie geht es Jona in Berlin?“
„Ganz gut.“
„Bist du dir sicher?“
„Frag ihn am besten selbst.“
Juli nickte, blickte kurz zur Seite. „Unsere Mutter macht sich ständig Sorgen. Aber sie war selbst nie jung.“
An einer Kreuzung blieben sie stehen.
„Ich muss hier lang“, sagte Juli. „Zur Elbe geht’s da runter.“
„Alles klar.“
„Und du?“
Theo zuckte die Schultern. „Keinen Plan. Jetzt, wo Jona krank ist …“
Juli zog ihr Handy aus der Tasche, tippte kurz. „Mein Vater und Paul wollen später segeln. Oder du kommst mit zum Brunch. Ich hab ein paar Freunde hier, Unternehmerinnen, Anwälte, Agenturleute … etwas konservativ, aber nett.“
Theo diktierte seine Nummer, Juli tippte sie ein und schickte ihm eine Nachricht.
„Dann bis später vielleicht“, sagte sie.
„Bis dann.“

Sie drehte sich um und ging. Theo blieb einen Moment stehen, das Handy in der Hand, der Blick ihr nach, bis sie hinter der Hecke verschwand.

Schwimmen

Theo erreichte den Strand, streifte Hemd und Hose ab, bis nur noch die Badehose blieb. Brille, Kappe und Nasenklammer, ein kurzer Atemzug. Dann setzte er den Fuß ins Wasser. Die Elbe war trüb und schwer, kein Ort, der ihn willkommen hieß. Doch er kannte dieses Gefühl: Widerstand, Kälte, der erste Schock im Körper. Er ließ sich nicht aufhalten.
Er schwamm parallel zum Ufer, wie er es früher im Training gelernt hatte. Ab und zu zogen Containerriesen vorbei, schwarze Wände aus Stahl, die Wellen wie Schläge hinterließen. Die Strömung packte ihn, verschluckte ihn für Sekunden, zerrte ihn nach innen. Theo liebte diesen Moment. Hier musste er sich behaupten, hier gab es kein Entkommen außer durch Kraft.
Die Zeit verlor ihre Konturen. Erst nach fast einer Stunde kehrte er zurück, keuchend, die Muskeln brennend, die Füße noch im Wasser, während er den Blick über die Elblandschaft schweifen ließ.
Alles hier wirkte aufgeräumt. Menschen gingen spazieren, blieben stehen, um die Sonne zu genießen, als sei Glück nichts weiter als ein fester Tagespunkt.
Eine Frau tauchte auf, Rassehund an der Leine, helles Sportoutfit, gepflegtes Lächeln. Sie warf ein Stöckchen, der Hund sprang, sie lachte und zog die Augenbrauen hoch: „Das Leben kann so einfach sein!“

Theo lächelte. Müde, höflich – und voller Groll.
Das Leben kann so einfach sein.
Natürlich. Wenn das größte Problem darin besteht, die Scheiße seines Hundes vom Elbstrand in Blankenese zu klauben.

Er sah ihr nach, bis sie hinter den Dünen verschwand. Plötzlich war da wieder dieser Druck in der Brust, der Reflex, ihr seine Geschichte zu erzählen, nur um das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Britz, Berlin Neukölln, Hufeisensiedlung. Ein Arbeiteridyll, entworfen von Bauhausarchitekten, gedacht als sozialdemokratisches Paradies. Sein Vater, preußisch diszipliniert, stolz darauf, sich rausgearbeitet zu haben – U-Bahnfahrer bei der BVG, Familie, Routine, Schichtsystem. Bis der Tag kam, an dem jemand sprang. Danach Keller, Dunkelheit, Modellschiffe. Eine Mutter mit Glas in der Hand. Eine Schwester, schwanger und allein.

Theo ging ins Training, wie andere in den Krieg. Erst Leichtathletik, dann Triathlon. Schwimmen, Rennen, immer weiter. Freunde verschwanden, er blieb. Als seine Schwester auszog, bekam er ein eigenes Zimmer und begann zu malen. Erst Gesichter aus der Siedlung, später Häuser. Seine Häuser. Die Hufeisensiedlung.
Kein Hochhausghetto, kein Elendsviertel. Kleine Blöcke, verkehrsberuhigte Straßen, in Hufeisenform. So sah Glück aus, aus der Luft betrachtet. Nur unten, in den Küchen und Schlafzimmern, sammelte sich Kummer in Schichten. Theo hätte den Architekten gern erzählt, wie viel Schmerz auch in schönem Beton wohnen kann.

Er atmete tief durch, schüttelte das Wasser aus dem Haar und schob die Füße tiefer in den Sand.
Dann dachte er an Juli.
An den Brunch. Und machte sich auf den Weg.

Brunch

Theo ging die Straße entlang. Die Häuser sauber, die Vorgärten gepflegt, jeder Strauch an seinem Platz. Vor einem der großen, hell verputzten Gebäude blieb er stehen. Er klingelte, und kurz darauf erschien Julis Gesicht hinter der Glastür. Ein Grinsen, ein Glas Sekt in der Hand.
„Da bist du ja. Hat gedauert.“
Juli führte ihn hinein. Das Wohnzimmer war großzügig, geschmackvoll eingerichtet, Möbel, die man eher betrachtet als benutzt. Rund um den Tisch saßen zehn Leute, Anfang dreißig, gut gekleidet, selbstsicher. Sie musterten Theo mit einem Interesse, das nicht ganz freundlich war.
„Das ist also der Elbschwimmer“, sagte jemand. „Jetzt hast du dich aber schön durch die Elbsuppe gewühlt. Hoffentlich bleibst du nicht kleben.“
Leises Lachen ging durch die Runde. Theo stand noch, die Hände an den Seiten. Er wusste, was jetzt kommen sollte: lachen, wegducken, einen Witz zurückwerfen, der zeigt, dass er es versteht und nicht ernst nimmt. Er hatte das hundertmal gemacht. Er konnte das.
„Halts Maul“, sagte er.
Das Gelächter brach ab. Ein frierender Moment.
„Wie bitte?“ Der Mann richtete sich auf.
„Du hast mich schon verstanden.“
Die Gäste sahen sich an, einige schüttelten kaum merklich den Kopf. Fremdheit legte sich über den Raum.
Juli trat dazwischen. „Genug jetzt. Theo – komm, ich zeig dir das Bad.“
Im Flur herrschte Stille, bis sie außer Hörweite waren. Dann: „Sag mal, was sollte das? So kannst du hier nicht auftreten.“
„Er hat’s provoziert.“
„Und du? Du bist hier Gast.“
Theo wurde leise. „Tut mir leid.“
Juli schwieg, verdrehte die Augen. „Johann ist ein Arschloch. Aber das hättest du auch subtiler zeigen können.“
Sie schmunzelten beide, und Theo verschwand ins Bad. Das Wasser war kühl, der Dampf legte sich über seine Haut. Für einen Moment dachte er, vielleicht würde er gleich verschwinden, zurück nach Berlin, weg von alldem. Doch dann trocknete er sich ab und ging wieder hinunter. Der Raum empfing ihn mit einer gespielten Normalität. Johann und er tauschten ein Lächeln, das eher eine Drohung war. Theo nahm sich etwas vom Buffet, setzte sich. Ein leises Gespräch entstand, als hätte es den Bruch vorhin nie gegeben.

Wonach wir streben ist erhältlich im stationären Buchhandel.

Dussmann: Hier klicken

Hugendubel: Hier klicken

Thalia: Hier klicken

Amazon: Hier klicken